Nachtrag 28.03.2008:

Jetzt weiß ich, warum ich meiner Freundin nicht helfen kann: Bei einer Depression spielen die Botenstoffe im Gehirn nicht richtig mit und daher kann man als Laie tatsächlich überhaupt nicht helfen. Das können nur Medikamente und bis man da die richtigen findet, die auch nicht so krasse Nebenwirkungen haben, das dauert. Ich fühle mich ihr gegenüber also nicht nur hilflos, ich bin es also auch, und dazu noch eine Ignorantin, weil ich mich vorher nicht mal schlau gemacht habe, was Depression überhaupt ist. Scheiß Gefühl!

Den untenstehenden Artikel habe ich geschrieben, ohne mich mit Depressionen auch nur ansatzweise auszukennen. Daher ist er manchmal ihr gegenüber unfair und nicht angebracht. Das tut mir aufrichtig leid. Da ich aber einiges, was ich geschrieben habe für richtig halte, lasse ich den Artikel stehen. Außerdem kann es nicht schaden, wenn ich mich gelegentlich mal an meine Ignoranz erinnere. Damit mir so etwas nicht öfter passiert!

Nie dürft ihr so tief sinken…

Jetzt muss ich das doch mal loswerden. Eine Freundin hat gerade Depressionen. Sie hat wohl auch schon mehr oder weniger versucht, sich umzubringen, ich bin dankbar, dass es ihr nicht gelungen ist. Selbstmord ist in meinen Augen dumm, egoistisch und total beknackt und mal davon abgesehen überhaupt keine Lösung, es sei denn man hat irgendeine furchtbare Krankheit im Endstadium, die einem ein für sich menschenwürdiges Leben nicht mehr möglich macht.

Ansonsten bin ich fest davon überzeugt, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die zwar einige Probleme hat, in der es aber mit ein wenig gutem Willen möglich ist sich ein schönes Leben zu machen. Zumal wenn man wie besagte Freundin normalerweise nicht dumm ist, über einen Hochschulabschluss, Familie und Freunde verfügt. Nun, ich will ihre Probleme nicht kleinreden, ich bin keine Psychologin und habe auch überhaupt keinen Hang zu Depressionen. Ich eigne mich darüber hinaus auch nicht im Geringsten zum Trübsalblasen. In dieser Hinsicht bin ich völlig unbegabt. Nach 30 Minuten geht mir die Energie aus und ich bin wieder gut drauf. Und im Notfall jammere ich mal kurz eine Freundin voll. Wirkt immer. Habe keine Ahnung wie die das machen, aber nach zehn Minuten muss ich immer schon wieder lachen… Danke M., auch wenn Du meinen Blog nicht liest! Danke auch Dir, N., für’s Kopf-an-die-richtige-Stelle-Setzen wenn nötig!

Wahrscheinlich fehlt mir wegen dieser mangelnden Begabung zum Unglücklichsein das nötige Verständnis für die Probleme meiner Freundin. Ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich möchte ihr wahnsinnig gerne helfen, weiß aber einfach nicht wie. Wie gesagt, Selbstmord halte ich schlicht für bescheuert. Was treibt jemanden dazu? Rein rational kann ich an die Sache aber nicht rangehen, sie denkt nämlich nicht rational. Daher fällt es mir unheimlich schwer, mich in sie hinein zu versetzen. Nein, es fällt mir nicht nur schwer, es ist mir unmöglich.

Ich krieg es nicht in meinen Kopf. Wenn ich mal schlecht drauf bin, dann tue ich mir etwas Gutes, kaufe mir was Schönes (meist ein Buch), rufe Freunde an, esse was Feines, poliere ich mein Äußeres auf, Frisur, Nagellack, was neues zum Anziehen, halt irgendwas für die Eitelkeit. Besagte Freundin hat daran überhaupt kein Interesse. Wieso nicht? Bin ich so oberflächlich, weil ich versuche auf andere einen guten Eindruck zu machen und mich der Situation entsprechend zu kleiden? Ist es schlimm, sich etwas anzupassen um besser dazu zu passen?

Ist man automatisch Duckmäuser, wenn man sich der gerade herrschenden Mode etwa anpasst? Gut, ich würde nie Leggins oder diese Hosen anziehen, in denen man aussieht, als müsste man mit der Rettungsschere rausgeholt werden, aber ich gebe mir Mühe nicht voll aus dem Rahmen zu fallen. Dazu gehört auch, dass ich bei der Arbeit des öfteren einen Anzug und eine Bluse trage. Und anständige Schuhe. Man wird einfach besser behandelt, ernst genommen. Klar sind das Äußerlichkeiten, aber blöderweise ist der erste Eindruck, und wohl auch wichtigste Eindruck, wohl immer eher ein Äußerlicher. Ich glaube sogar Chirurgen sehen erst mal das Äußere von einem, bevor sie sich dem Inneren zuwenden…

Wieso hinterfrage ich, im Gegensatz zu ihr, nicht ständig, warum mich Leute besuchen, mich anrufen, mir schreiben und etwas mit mir unternehmen möchten? Natürlich halte ich es nicht für selbstverständlich, dass so viele tolle Menschen Zeit mit mir verbringen möchten, aber ich gehe einfach nicht davon aus, dass sie nur Mitleid mit mir haben und sich nur deswegen mit mir abgeben. Bin ich jetzt zu stolz und eingebildet? Keine Ahnung. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass diese Menschen sich nur deshalb mit mir abgeben, weil sie das möchten und Spaß daran haben, mich mögen und meine Gesellschaft schätzen. Doch eingebildet? Besagte Freundin bringt mich echt ein wenig durcheinander.

Aus irgendeinem Grund hat sie sich in eine Frau verknallt, die leider, trotz ihrer anders lautenden Meinung, keinerlei Klasse hat, aber das ist ein anderes Thema. Die Frau, ich würde sie als billig bezeichnen, aber ich habe sie nur einmal gesehen, habe Vorurteile gegenüber gewissen Lebensstilen und kenne sie nicht. Ich nehme ihr nur furchtbar übel, dass sie meine Freundin in einem dermassen miesen Zustand hinterlassen hat. Meine Freundin hat selbst erkannt, dass diese Frau ihr nicht gut tut und dennoch hält sie weiter krampfhaft Kontakt zu ihr, wäre ich fies würde ich es schon fast krankhaft nennen. Wenn mir Menschen nicht gut tun entsorge ich sie aus allen Adressbüchern, E-Mailverzeichnissen und Telefonlisten. Wieso sich in einer Welt mit 6 Milliarden Menschen mit welchen abgeben, die einen runterziehen, nicht gut tun oder nur ausnutzen? Gut, um manche Ekelpakete kommt man vielleicht mal beruflich nicht herum, aber im Privatleben ist das ganz einfach sie loszuwerden. Und ich halte das nicht einmal für verkehrt. Im Gegenteil, ein wenig Selbstschutz ist ganz hilfreich.

Ich würde ihr gerne verständlich machen, dass es auch bei ihr so sein kann, aber sie glaubt es einfach nicht. Genauso wenig wie sie glaubt, einen Job länger als zwei Wochen durchhalten zu können. Wie soll ich ihr verständlich machen, dass man allein schon durch diese Einstellung zum Scheitern verurteilt ist? Man muss es doch zumindest versuchen. Meist ist es dann gar nicht so schlimm und man kann auch bei richtig miesen Jobs noch etwas lernen. Irgendetwas Gutes gibt es immer. Und wenn es nur mal ein nettes Gespräch mit einer Kollegin oder so ist. Ich habe mich durch verschiedenste Jobs gequält und durchgehalten; wenn es ganz schlimm wurde habe ich mir etwas anderes gesucht. Es geht. Viele tun das ein Leben lang. Es gibt ja schließlich so viel mehr als einen Job. Und jeder muss mal einen Schei…job machen. Das ist kein Weltuntergang. Das Argument, dass die Leute früher 12 und mehr Stunden am Tag in der Fabrik malocht haben und es auch überlebt haben, mal ganz abgesehen von denen, die heutzutage in Sweatshops wie Sklaven gehalten werden, ist zwar platt, aber irgendwie ist was dran. Nicht dass ich jetzt für Hungerlöhne plädieren würde! Bewahre!

Wie kann ich meiner Freundin vermitteln, dass es sich lohnt, sich auch die kleinen Dinge schön zu machen? Sich zum Beispiel Zeit nehmen um sich etwas Gutes zu Essen zu machen? Und es vielleicht sogar nett anzurichten? Hat Schönheit so gar keinen positiven Einfluß auf sie? Wie kann man sich nicht an einem schönen Bild erfreuen? Über gutem Essen in Entzücken ausbrechen? Sich über einen doofen Hund und das noch doofere Herrchen amüsieren? Wie kann man nicht strahlen, wenn die Sonne scheint, keine Idioten im Park sind und man die 10 Kilometer ganz entspannt runterläuft? Kann man wirklich schlechte Laune kriegen oder behalten, wenn man U-Bahn fährt? Muss man verzweifeln, weil man nicht die Welt retten kann? Kann man wirklich ohne Grinsen durch die Stadt laufen? Ich kriege das nicht hin. Gestern Abend zum Beispiel musste ich mich schwer beherrschen, nicht laut loszuprusten, als in der DocMorris-Apotheke ein Medikament für eine Kundin nicht rausgegeben werden konnte, weil es nicht billig genug war und sie daher auf die Lieferung des Re-Imports warten mussten. Der ist nämlich billiger, weil hier produziert, im Ausland verpackt und wieder eingeführt. Das an sich ist schon witzig, noch lustiger war die Kundin, die die Welt nicht mehr verstand, wo sie schon das Medikament gewechselt hat, weil das alte zu 75% von Nestlé produziert wird. Und nun das. Sie war verzweifelt ob der Absurdität. Ich riet ihr, es mit Humor zu nehmen, man könne nicht die ganze Welt retten. Da fand sie es dann auch lustig. Vor allem, als mein Medikament mir auch nicht einfach so gegeben werden konnte, weil meine Krankenkasse mit einer anderen Pharmafirma als der, deren Produkt mir meine Ärztin verschrieben hat, einen Vertrag hat. Da musste die arme Apothekerin erst die Ärztin anrufen und dann doch das Verschriebene bestellen. So kam ich dann zu meinem zweiten Spaziergang. Wie gesagt, die Freundin hätte das wohl depressiv gemacht, mich hat es einfach nur amüsiert und nächstes mal gehe ich in die andere Apotheke.

Es sind so viele Dinge, die ich tue um mein Leben schön zu machen und die ich ihr gerne zeigen möchte, aber sie sieht es einfach nicht. Diese Welt ist absurd, manchmal hässlich, manchmal doof, aber trotz allem ein wunderbar lustiger und schöner Ort. Und mit ein wenig Humor als stärkster Waffe gegen das täglich Absurdistan geht es doch gleich viel leichter.

Und hier noch ein Motto, das man unbedingt berücksichtigen sollte, um nicht depressiv zu werden:

Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken.

Erich Kästner ist übrigens mein ultimatives Ant-Depressiva. Ich sag nur Lyrische Hausapotheke…

Kommentare

Kapitän Blauauge (2.4.08 18:17):
also bei mir wirkt Joachim Ringelnatz oder der Besuch bei meinem Kampfkater oder meinem Lieblingspferd auch ganz gut.

3 Gedanken zu “Nachtrag 28.03.2008:

  1. Naja ich studier ja derzeit Psychologie. Das witzige an der Sache ist, dass eher psychisch gesunde Menschen dazu neigen irrationale Erwartungen an ihren eigenen Einfluss auf die Umwelt zu haben als depressive. Aber genau dieser Bias ist genau das, was Handlungssteuerung erleichtert. Weiter in die Tiefe zu gehen würde aber hier den Rahmen sprengen. Für den Laien ist die Erkenntnis (besser: Annahme) recht fruchtbar, dass es nicht „die Realität“ gibt. Vielmehr ist es so, dass das was wir für Realität halten von uns selbst auf eine Art und Weise generiert wird, die sich von der Realitätsgeneration von anderen Menschen mit unter maßgeblich unterscheidet. Das ist der Grund warum sich auch das „Produkt“ was dabei herauskommt nur bedingt ähnelt, oder nahezu garnicht. Was Therapieerfolg angeht, kann es sein dass es einfach nur ein wenig mehr Zeit braucht, oder dass das Therapeuten-Patienten-Verhältnis oder aber die Therapiemethode ungünstig sind. Mir persönlich fällt es auch schwer mit psychisch kranken Menschen umzugehen, ich studiere das Fach aus einer anderen Motivation heraus. Aber nun ja , wenn du wissen willst, was aus ihr geworden ist geh sie ruhig mal besuchen, erwarte aber nicht zu viel. Das könnte vielleicht frustrierend sein.

  2. Die betreffende Person war ein paar Wochen in stationärer therapeutischer Behandlung, danach in ambulanter. Auch erhält sie verschiedenste Medikamente. Nur geändert hat sich irgendwie nicht wirklich etwas. Bei unserem letzten Treffen vor einigen Wochen hatte ich den Eindruck, dass noch immer unrealistische Vorstellungen ihr Denken beherrschen und ich vermisste den Willen, sich der Gegenwart/Realität zu stellen oder Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Ich hatte allerdings auch seitdem keinen Kontakt mehr mit ihr, da mir die Freizeit dazu fehlte. Ich sollte aber wirklich mal nachfragen, wie es ihr so geht… Ich kann sie nämlich trotz allem gut leiden.

  3. Nun ja… Das Gesamtding „Mensch“ ist am besten als biopsychologische Einheit zu begreifen. Depressionen sind ein ziemlich ernstes Thema und von aussenstehenden unter anderem Unverständlich, da sie das „Erleben“ nicht teilen können. Und offen gestanden, nerven depressive Menschen schnell mal. Was die Medikamente angeht ist die Angebe nicht per se richtig. Oft ist es sinnvoll mit medikamentöser Begleitung zu therapieren, es muss aber nicht sein und/oder sollte nicht alles sein. Die besten Erfolge gibt es allerdings bei kombinierten Therapien. Oftmals hilft auch schon ein wenig Schlafdeprivation, wenn es sich nicht gerade um eine Major-Depression handelt.

    Wichtig bei der Krankheit ist, meines Erachtens, die Tatsache, dass Erlebnisse anders attribuiert werden. Kurz es wird im Gegensatz zu „gesunden“ Menschen eine andere Ursachenzuschreibung begangen. Hier gibt es therapeuthische Ansätze wie das „reframing“, die durchaus Erfolge erzielen könnten. Ein Beratungsgespräch mit einem Therapeuten würde ich wärmstens empfehlen.

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