Warum Warten eine Kunst ist

Gestern musste ich zu einer Sprechstunde ins Benjamin-Franklin. Da ich meinen Termin um elf hatte, war ich auch um kurz vor elf Uhr dort. Andere aber leider auch. In der Anmeldeschlange vor mir warteten sieben Leute. Bevor man nämlich einen Arzt zu Gesicht bekommt, muss man einen ziemlich komplizierten Anmeldemarathon absolvieren. Minimalanforderung sind Überweisungsschein und die Krankenkassenkarte. Ist man zum ersten Mal da möchten sie auch noch den Personalausweis sehen und man muss einen Fragebogen ausfüllen. Hat man keinen Überweisungsschein dabei, werden zehn Euro Praxisgebühr fällig, die allerdings überwiesen werden müssen, weil sie dort kein Bargeld annehmen. Das alles sollte eigentlich kein Problem sein, schließlich bekommt man das alles schon erzählt, wenn man den Termin vereinbart. (Ist übrigens gar nicht einfach, denn entweder geht selbst bei zwanzigmal klingeln lassen niemand ans Telefon oder aber man hat eine Bandansage dran, die einem um 10:30 Uhr erzählt, dass telefonisch nur zwischen 10 und 12 Termine vereinbart werden können oder dass der Teilnehmer zurzeit leider nicht erreichbar sei.) Zumindest mir hat man von den erforderlichen Mitbringseln erzählt und ich hatte auch brav alles dabei. Die vor mir leider nicht.

Der Kerl ohne Überweisungsschein saß im Rollstuhl und hatte ganz prima Laune. Die hat er erstmal an der Empfangsdame ausgelassen. Er wolle zum MRT. Da könne er auch hin, wenn er unterschreiben würde, dass er die Praxisgebühr überweist und dass er bei der XXX versichert ist. Warum solle er unterschreiben, dass er bei der XXX versichert ist, das würde sie doch schon an der Karte sehen! Weil sie die Unterschrift braucht, damit die Kasse die Behandlung bezahlt. Ohne Praxisgebühr und Unterschrift kein MRT. Aber er würde doch die Praxisgebühr bar bezahlen. Kann sie leider nicht annehmen, das müsse er überweisen und dazu müsse er dieses Papier unterschreiben. Will er aber nicht. Bis er dann doch endlich alle notwendigen Formulare unterschrieb vergingen mindestens 15 Minuten. Da waren es nur noch sechs.

Nummer Zweis Anmeldung war problemlos in fünf Minuten erledigt. Nummer Drei hingegen war schon wieder schwierig. Er wolle seine Frau anmelden. Kassenkarte und Überweisung hatte er dabei. Aber keinen Personalausweis. Seine Frau ist Kubanerin und spricht kein Deutsch. Die Empfangsdame war so freundlich, von ihren Vorschriften, die sie sich sicher nicht selbst ausgedacht hat, abzuweichen und hat die Anmeldung trotzdem fertig gemacht. Er musste nur den Fragebogen ausfüllen. Blöderweise hatte er zu jeder Frage eine Frage. Unter anderem was denn „weiche“ Schmerzen seien. Naja, die Frage lautete „Welche“ Schmerzen, aber kann ja mal passieren, dass man sich verliest. Passierte ihm leider bei jeder Frage. Dauerte dann auch noch mal 10 Minuten, unter anderem weil er die Empfangsdame mit der Frage, wie lange es denn dauern würde, bis seine Frau drankäme, von der Arbeit abhielt.

Nummer Vier war eine Krankenschwester die einen stationären Patienten anmeldete. Da das eigentlich gegen die Vorschriften ist (als stationärer Patient darf man nicht ambulant behandelt werden) dauerte das auch wieder länger. Dafür war Nummer Fünf wieder problemlos. Nummer Sechs hingegen nervte gewaltig. Schon während der Abfertigung der anderen fünf rief er ständig dazwischen „Und was ist mit Röttke?“ und „Ich brauche doch nur die Bescheinigung!“. Blöderweise wusste er nicht so recht, welche Bescheinigung er denn genau brauchte. Sie haben es nach 15 weiteren Minuten doch noch herausbekommen und wollten sie ihm zuschicken. Nach zwei Minuten kam er wieder und wollte wissen, ob sie sie ihm zuschicken.

Nach genau 75 Minuten Wartezeit konnte ich mich dann auch endlich anmelden. Und dann musste ich nur noch 20 Minuten auf die Ärztin warten.

Ich habe keinen geschlagen, getreten, erwürgt, erdrosselt, geköpft, ertränkt oder aus dem Fenster geworfen. Das ist Kunst!

2 Gedanken zu “Warum Warten eine Kunst ist

  1. Danke. Ich auch. Aber noch mehr bewundere ich die Empfangsdame. Die war trotz allem zu allen freundlich, nett und hilfsbereit…

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