Essen als Religion

Ich bin durch einen Beitrag auf der Seite der Kochschlampe darauf gekommen: Essen ist heute eine Art moderner Religionsersatz. Gutes und gesundes Essen ist ein bisschen wie Gott. Man könnte sagen jeder hat schon mal davon gehört, so richtig Bescheid weiß aber keiner. Einheitlich definieren kann man gutes und gesundes Essen auch nicht. Was gestern als super gesund gepriesen wurde (Spinat) ist plötzlich (nach dem das Komma an die richtige Stelle gerückt wurde) nur noch normales Futter. Und für Leute, die Blutverdünner nehmen gar fast Gift.

Oft gewinne ich auch den Eindruck, dass viele Menschen sich in besondere Ernährungsformen stürzen, um wenigsten auf irgendetwas in ihrem Leben Einfluss zu haben. Etwas, was sie selbst regeln und unter Kontrolle bekommen können. Zumindest theoretisch. Bei der praktischen Umsetzung ist das wie mit dem am Sonntag in die Kirche gehen. Irgendetwas kommt immer dazwischen. Sowohl Religion als auch Diät bieten ein festgelegtes Normengerüst, das man nur einzuhalten braucht, um glücklich oder gesund und schlank zu werden. Genau daran scheitern aber die meisten und werden somit unglücklich.

Gerne und ungefragt, ebenso wie diese Seelenfänger der altbekannten Sekten, predigen diejenigen, die es offensichtlich nicht schaffen, sich gesund zu ernähren, ihre Ernährungsglaubenssätze anderen Menschen vor. Da werden Eiweiß- oder Kohldiäten angepriesen, makrobiotische Ernährung verkündet und das Heil in veganer Esskultur gesucht. Bei gesunden Menschen verhallen diese Glaubensbekenntnisse ebenso wie Gottesanbetungen bei Atheisten. Andere beginnen zu zweifeln, werden noch weiter verunsichert, was denn nun die richtige Ernährungs- beziehungsweise Lebensweise wäre und geraten dadurch noch tiefer in die Abgründe der Lebensmittelsekten, die durch probiotische, kalorienreduzierte oder zuckerfreie Heilmittel das ewig gesunde Leben versprechen. LC1 als moderner Ablasshandel, die Sünde einer falschen, fett- und zuckerüberreichen Ernährung werden durch Bezahlung überteuerter Pseudogesundmacher erlassen.

Ja, ich bin Vegetarierin. Ja, ich esse keine Bananen und keinen Honig und ja, ich bin auf Äpfel allergisch. Daher esse ich also weder Fleisch, noch Fisch, noch sonstige Tiere, meide Honig, Bananen und Äpfel, aber was andere essen ist mir herzlich egal. Ich muss ihnen nicht vorpredigen, wieviel CO² man durch vegetarische Ernährung einsparen kann, oder wieviel mehr Menschen ernährt werden können, wenn Mais, Soja und Getreide nicht zur Fleischproduktion verwendet werden, sondern in den Kochtöpfen der Armen landen. Gelegentliche Kommentare über aussterbende Fischsorten kann ich mir nicht verkneifen, das gebe ich zu, aber im Prinzip soll jeder essen, was ihn glücklich macht. Nur eines bringt mich zum predigen: Die Frage „Aber Fisch/Wurst/Speck ist Du doch?“ Nein, ich bin Vegetarierin. Die essen keine Tiere. Auch keine vegetarische Gemüsepfanne mit Speck. Auch keine Wurst. Und keine Meeresfrüchte. Keine Gelatine. Und nichts was in Schmalz gebraten, frittiert oder nur geschwenkt wurde.

Und auf Menschen, die mir erzählen, sie hätten heute noch gar nichts gegessen, weil sie abnehmen wollen, dann aber acht Löffel Zucker in den Latte mit extra viel Milch kippen oder einen Liter Cola trinken und das Ganze noch mit dem Satz krönen: „Ach, Du hast es gut, Du kannst ja eh alles essen!“ bin ich ein wenig allergisch. Aber ich fange an zu predigen, daher genug für heute. Und was gesunde Ernährung ist, das klären wir ein andermal.

4 Gedanken zu “Essen als Religion

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