Inselbewohner sind anders Teil 4

Obwohl wir erstaunlich tolles Wetter hatten, mussten wir uns gelegentlich auch mal in geschlossene Räume begeben. Einer davon war natürlich das Hotel. Das war ein Kaninchenbau! Meine beiden Mitbewohnerinnen hätten ihre helle Freude daran gehabt. Treppchen rauf, Treppchen runter, links um die Ecke, rechts um die Ecke… Die Zimmer waren klein aber sauber und bequem, das Bad groß genug. Der Service war auch okay, das Frühstück für mich gewöhnungsbedürftig. Würstchen, gebratener Speck, gebratene Tomaten, warme Champignons, Rührei, eine Art Kartoffelröstiecken und weiße Bohnen in Sauce. Cornflakes, irgendwelche Crispiepops, Früchtemüesli, Aufbackbrötchen, Rosinenschneckchen, Minicroissants, Toast, Natur- oder fettärmster Früchtejoghurt, Dosenmandarinen und Dosengrapefruit und getrocknete Pflaumen. Kaffee aus der Riesenthermoskanne oder verschiedene Teesorten. Für mich war klar, das warme Zeug muss ich probieren. Natürlich nicht den Speck und die Würstchen. Fazit: essbar, aber bestellen würde ich mir das nie. Dosengrapefruit ist auch interessant, allerdings schmeckt das nur noch entfernt nach Grapefruit, weil sie durch die Zuckerzugabe nicht mehr bitter sind. Und eigentlich ist es das Bittere, was ich an Grapefruit so liebe. An den Kaffee habe ich mich nicht rangetraut. Also gab es Tee. Der war ziemlich gut. Kulinarisches Highlight war das Frühstück definitiv nicht und ich bin froh, dass ich hier wieder meine zwei bis drei Tassen Kaffee trinken kann und dass es, wenn ich denn am Wochenende mal frühstücke, frisches Obst, unkastrierten Joghurt, anständiges Brot und guten Kaffee gibt.

Ein wenig wundern musste ich mich in meinem Hotelzimmer. Da mein Zimmer zur Hauptstraße rausging, hatte ich Doppelfenster. Schiebefenster. Total unpraktisch. Man muss erst das innere ganz nach oben schieben, bevor man das äußere auch auf bekommt. Ich als eigentlich unpraktisch veranlagter Mensch hätte an das Innere des äußeren Fensters einfach einen Griff geschraubt, damit man das besser aufbekommt, aber wie gesagt, ich bin unpraktisch veranlagt. Im Bad stand ich dann beim Händewaschen und Zähneputzen jedes Mal vor der Wahl, entweder kochend heißes oder eiskaltes Wasser zu haben. Die beiden Wasserhähne waren auch in einigem Abstand zueinander montiert, dass auch kräftiges Wedeln keine Mischung erzeugt hätte. Also was tun? Wissenschaftlich denken! Logisch: Erfrieren dauert länger als Verbrennen… Da ich keine Lust auf Brandblasen hatte, habe ich also eiskaltes Wasser vorgezogen. Die Wasserhähne waren auch so kurz und tief, dass nur die Hände darunter passten. Den zimmereigenen Wasserkocher zum Auffüllen drunter zu bekommen war eine interessante Tüftelaufgabe. In jedem Zimmer war nämlich ein Tablett mit Wasserkocher, Tasse, Löffel und Teebeuteln, Zucker, Milch und Kaffee. Der lösliche Fairtrade-Ökokaffee schmeckte übrigens ganz gut, ich musste also nicht vollständig auf mein Frühstückskoffein verzichten.

Ein wenig gruselig fand ich meine Schranktür. Die ging nämlich, wenn ich vergessen hatte, den Sessel davor zu schieben, bevorzugt nachts mit einem knarrenden, quietschenden Geräusch auf, wie in so Gespensterfilmen…

Aber viel waren wir ja nicht im Hotel. Wir waren schließlich auf der Insel um uns die Selbige anzusehen. Wenn man so durch die Städtchen und Ortschaften wandert, fällt einem auf, dass die Häuser alle keine Hausnummer haben. Dafür nennen sie sich all Villa Irgendwas, Manson Sonstwie, Court Sowieso… Und nahezu alle Häuser haben traumhaft schöne Gärten.

Die kleinen Sträßchen, genannt Green Lanes, sind wunderschön, aber sehr eng. Da kommen sich schon gern mal zwei der 110.000 Autos in die Quere. Hatte ich erwähnt, das die Jerseyaner absolut autoverrückt sind? 88.000 Einwohner und 110.000 zugelassene Autos! Es gibt keine Schnellstraßen, trotzdem fahren auf der Insel mehr Sportwagen durch die Gegend, als in Berlin. Diese unsäglichen Silly Useless Vehicles (Geländelimousinen, Stadtjeeps oder wie nennen diese Schiffe sich?) sind dort fast so zahlreich und überflüssig wie in Zürich. An den Sportwagen finde ich besonders lustig, dass die so niedrig sind (Wadenbeißer halt) und die Insassen somit eigentlich nichts von der Landschaft sehen, da nahezu alle Straßen entweder von schulterhohen Mauern oder aber von Grünzeug gesäumt sind. Ausfahren kann man die Kisten auch nirgendwo, auf den Green Lanes sind nur 15 m/h erlaubt und auf den anderen Straßen kann man dank der zahlreichen Kurven auch nicht wirklich Gas geben. Versuchen tun es die Jerseyaner allerdings schon. Die meisten fahren wie die Henker. Und parken tun sie auch sehr kreativ. Abschließen muss man die Karren eigentlich nicht, Autodiebstahl gibt es auf der Insel nicht. Wenn die Karre weg ist, muss man selber suchen gehen, weit kommt so ein Autodieb ja eh nicht… Gesetzeswidrig ist das „illegale Ausleihen“ von Autos allerdings schon.

Man sollte übrigens unbedingt Postkarten schreiben. nicht, weil die Auswahl an Postkarten riesig oder ansprechend wäre, im Gegenteil, aber die Briefmarken sind super! Die Jerseyaner drucken nämlich ihr eigenen Marken und davon viele unterschiedliche. Wir haben zusammen wohl an die 20 Karten verschickt, worauf immer zwei Marken gehören und wir hatten keine Marke doppelt. Eigenes Geld drucken und pressen sie auch. Das Jerseypfund entspricht dem englischen Pfund, gilt aber nur auf den Kanalinseln. Guernsey hat übrigens auch eigene Briefmarken und eigenes Geld und noch weniger Einwohner als Jersey. Es stimmt schon, Inselbewohner sind merkwürdig. Aber liebenswert!

P.S.: Mein allerliebstes Warnschild: „No smoking or naked lights“, gefunden an einem Gastank.

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