Überleben im alltäglichen Verkehrschaos in Kairo

Der ein oder die andere hat es mitbekommen, ich war vom 2. bis zum 13. in Kairo. Meine syrische Tandempartnerin fragte mich im Oktober, ob ich nicht Lust hätte, sie nach Kairo zu ihrer Schwester zu begleiten. Jetzt standen islamische Länder noch nie auf meiner Wunschreisezielliste, aber das sollte mich ja nicht abhalten. Spontan habe ich ja gesagt, ohne zu ahnen, was da auf mich zukommen könnte. Wir haben die Flüge gebucht, zwei Reiseführer gekauft, darin gestöbert und entdeckt, das Ägypten definitiv eine Reise wert ist. Und mit jemandem, der die Landessprache perfekt beherrscht und sich ein wenig dort auskennt? Perfekt! Jepp, und dann habe ich mal angefangen, zu überlegen, was ich denn so brauchen könnte. Immerhin gehört Ägypten bekanntlich nicht zur Europäischen Union. Reisepass? Habe ich nicht. Super, geht auch ohne  (Positiver Nebeneffekt: Ich bin jetzt endlich, mit nur einem Jahr Verspätung, umgemeldet; negativer Effekt: die GEZ schreibt mir jetzt wieder Briefe.). Nächstes Problem: Foto für das Einreisevisa. Ich hasse es, fotographiert zu werden. Erledigt. Reisegepäck? Ägypten ist Afrika, Afrika ist heiß. Dank Wetter.com weiß ich jetzt, das ist nicht zwangsläufig so. Also langärmlige Sachen und Jeans eingepackt. Ist ohnehin besser, will man sich nicht als völlig kulturignoranter Tourist outen. Trotzdem die Sonnencreme eingepackt. Und Mückenschutz und Desinfektionstücher. So ein zwei Vorurteile haben mir die Reiseführer und das Internet dann doch wieder eingetrichtert.

Der Flug über Prag war okay, wir hatten nur eine kleine halbe Stunde Verspätung und sind gegen halb vier Uhr morgens Ortszeit gelandet. Die Visaformalitäten gingen recht schnell und konnten endlich die Schwester begrüßen. Diese hatte einen befreundeten Taxifahrer gebeten, uns abzuholen. Der hat das outgesourct und wir warteten dann 5 arabische Minuten vor dem Terminal auf unser Taxi. 5 arabische Minuten sind übrigens alles zwischen 20 und 50 Minuten. Überhaupt ist die Zeitrechnung dort ein wenig anders. Wenn man sich verabredet, sollte man immer ein gutes Buch dabei haben, es kann nämlich dauern. Züge sind pünktlich, wenn sie nur 30 Minuten Verspätung haben. Aber wir hatten Urlaub und daher Zeit. Während der Taxifahrt hatten meine Freundin und ich die Augen meist geschlossen. Der Kairoer Fahrstil ist gewöhnungsbedürftig. Sicherheitsabstand ist die Stoßstange und links und rechts passt höchstens ein Rückspiegel dazwischen. Dementsprechend habe ich im gesamten Kairo kein einziges nicht verbeultes Auto gesehen. Es gibt auch so gut wie keine Ampeln, und wenn, dann beachtet sie ohnehin niemand. Verkehrsschilder sind Mangelware, ebenso Hinweisschilder. Schließlich kann man doch immer jemanden fragen.

Überhaupt ist der Verkehr in Kairo anders. Sehr anders. Die Straße zu überqueren ist wie dieses alte Computerspiel Frogger. Man versucht lebend über achtspurige (eigentlich sind es nur vier, aber da passen locker noch ein paar Spuren drauf..) Straße zu kommen, da die nächste Über- oder Unterführung garantiert 2,5 Kilometer weiter links oder 1,5 Kilometer weiter rechts ist und man, um dorthin zu gelangen, ebensolche Straßen überqueren muss. Und, es gibt Zebrastreifen, aber auch die werden nicht beachtet. Es wird auch prinzipiell nicht für Fußgänger gebremst. Wirklich nicht! Also, wer es selbst testen möchte: Ich habe Euch gewarnt. Sie bremsen nicht. Sie hupen nur. Und selbst wenn sie bremsen würden, was sie nicht tun, es würde nichts bringen, denn die Autos sind derart alt, dass die Bremswege einfach viel zu lang wären. Wer wissen möchte, wo die ganzen Autos aus den 70ern und 80ern geblieben sind, die fahren in Kairo. Gern auch als Kombis, also jetzt nicht mit extra großem Kofferraum, sondern als Kombination aus mehreren Autos und Automarken. Ich schätze, 90 Prozent aller Autos in Kairo schaffen es nicht durch den TÜV. Nur ein Drittel fährt nachts mit Licht, die Stoßdämpfer verdienen ihren Namen nicht mehr, die Kofferräume werden oft mit Seilen oder Drähten zusammengehalten, … Es ist schon lustig zu sehen, dass diese Karren tatsächlich noch fahren.

Neben diesen alten Karren fahren auch noch Pferdekutschen, Tuktuks, Eselkarren, Mopeds und Motorräder, Busse, Minibusse, LKWs sowie einige wenige lebensmüde Fahrradfahrer. Die Pferdekutschen und Eselkarren transportieren alles mögliche, meist jedoch Obst und Gemüse aus dem Umland in die Stadt. Auf den Mopeds und Motorrädern sitzen öfter mal drei bis vier Leute, alle ohne Helm. Die Ladung auf den LKWs ist abenteuerlich gestapelt und so gut wie nicht gesichert, dafür sitzen gern mal Leute, auch Kleinkinder, oben drauf. Die Busse fahren alle bei offenen Türen, damit die Fahrgäste schnell rein- und rausspringen können, denn halten tun die eher nicht. An den Minibussen hängt immer einer zur Tür raus, der die Richtung rausschreit und den Fahrgästen beim Einsteigen behilflich ist und das Fahrgeld kassiert. Die Tuktuks sind auch eine Art Taxi und werden oft von Jungs gefahren, die so aussehen, als wären sie gerade erst in der Pubertät. Dementsprechend sind die Tuktuks oft mit riesigen Lautsprechern ausgestattet, aus denen zum sonstigen Krach laute arabische Popmusik dröhnt. Da alle wegen allem jedem hupen ist es unglaublich laut. Man hupt, um zu signalisieren: Ich habe Dich gesehen. Siehst Du mich? Ich überhol Dich links. Ich überhol Dich rechts. Fahr schneller. Ich überhol Dich nicht. Ich biege links ab. Schönes Wetter heute. Ich biege rechts ab. Ich fahre rückwärts. … Die Liste ist lang und sicher nicht endlich.

Wie gesagt, Verkehrsschilder gibt es kaum. Aber die, die es gibt sind sehenswert. Meine Lieblingsschilder waren diejenigen, die vor „Fußgängern“ warnen. Soviel zum Thema Verkehr in Kairo. Kairo hat nicht viele Sehenswürdigkeiten, vielleicht ist es gerade deshalb besonders sehenswert. Was denn sehenswert ist, vielleicht morgen. Jetzt muss ich erst mal Kaffee kochen.

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